“Die Tatsache, daß Menschen mit zwei Augen, aber nur einem Mund geboren werden, läßt darauf schließen, dass sie zweimal soviel sehen als reden sollten.” -Marie Marquise de Svign

Ich bin, wie wir im Grunde genommen alle, mit Fotos aufgewachsen. Auf den ersten Fotos aus dem Jahre 1988 bin ich noch nicht einmal fähig, Sinn und Zweck meiner Existenz wahrzunehmen, geschweige denn zu hinterfragen. Diese Aufnahmen sind Zeugnis meiner Anwesenheit, meiner frühen Kindheit, Zeugnis der Einrichtung der 80er Jahre und auch der heute teilweise fragwürdigen Mode für Kleinkinder. Doch bedeuten diese Fotos für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Dinge. Ich kann durch diese Fotos sehen, wie meine Eltern gelebt haben, wie ich als kleiner Mensch aussah, was ich trug, wie ich das erste mal auf eigenen Beinen stehe. Zwar kann ich mich nicht erinnern aber so schafft man doch durch Fotos die Überbrückung zu einer zurückliegenden Zeit aus der man nun den ein oder anderen Eindruck gewinnt. Für meine Eltern jedoch sind diese Fotos viel mehr. Meine Mutter kann zu fast jedem der Fotos eine Anekdote erzählen und erinnert sich zurück an den Moment als sie mich das erste mal im Arm hielt oder auch den Moment als ich meine ersten Schritte tat und strahlend zu meinem Vater hinter der Spiegelreflexkamera hinaufschaue. Meine Mutter erlebt diesen Moment fast jedes mal von neuem. Und auch wenn es das alte Ledersofa oder den grünen Teppich nicht mehr gibt, so gibt es doch diese Fotos, die festgehalten haben was sich vor ihren Augen abgespielt hat.

Fotos sind schon seit langem mein bevorzugtes Medium. Mit 15 fing ich dann an aus meiner ersten digitalen und sehr kompakten Digitalkamera das größtmögliche herauszuholen. Die ersten geknipsten Abbilder der Katze und den engsten Freundinnen entstanden also auf Knopfdruck und mussten nicht erst noch tagelang entwickelt werden. Mitgeliefert wurde das erste Bildbearbeitungsprogramm welches nun fleißig eingesetzt wurde um die Abbilder möglichst dem Stil der großen Vorbilder anzupassen. Jahre später, im Kunststudium wurde mir allmählich jedoch bewusst, dass Fotografie kein reines Handwerk ist. Zwar lässt sich der Begriff als Lichtmalerei übersetzten, jedoch erkannte schon der gute Dürrenmatt, dass jeder knipsen kann – auch ein Automat – das Fotografieren als Kunst jedoch bedarf, dass man sich auch der Kunst des Beobachtens bedient. Die abgebildete Wirklichkeit müsse vielmehr geformt werden, wolle man sie zum Sprechen bringen. Momente so aufzunehmen und abzubilden wie sie in der Situation wahrgenommen werden – mit all ihrer Freude und Atmosphäre und Umgebung – setze ich mir ein jedes mal als großes Ziel. Und so wachse ich mit jedem Foto, welches ich aufnehme um anderen Menschen durch mein stilles Beobachten Zeugnisse ihrer tollen Momente zu schaffen und im besten Falle die Gesichtsausdrücke bei ihnen hervorzurufen, welche ich bei meiner Mutter, mit besagten Kinderfotos in der Hand, jedes mal erneut bemerke.

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